„Ja zu Emmi Piklers Pädagogik!“ – Beziehungsvolle Pflege bei uns

"Die Kinder brauchen unsere liebevolle Aufmerksamkeit, Bestätigung in ihrem Tun, eine anregende, sichere und eine dem Alter entsprechende Umgebung, wo sie innerhalb klarer Grenzen ihr Spiel und ihre Bewegungsfähigkeit autonom entwickeln können!"

Emmi Pikler (gest. 1984) war eine ungarische Kinderärztin, die sich sehr intensiv mit der Kleinstkinderpädagogik auseinandersetzte und für ihr Zeitalter völlig neue Wege ging.
In Anlehnung an ihre Vorstellungen von beziehungsvoller Pflege der Kleinsten haben wir unsere Pädagogik ausgerichtet:

Liebevolle Zuwendung und respektvoller Umgang
• Wir nehmen jedes Kind so an, wie es ist!
• Wir pflegen einen achtsamen und wertschätzenden Umgang mit dem Kind, unabhängig davon, wie alt das Kind ist!
• Wir begeben uns auf die gleiche Höhe des Kindes und halten Blickkontakt!
• Alles was wir mit dem Kind geplant tun, sagen wir vorher an, z. B. wenn wir es auf den Arm nehmen, es wickeln möchten, ...!
• Wir warten auf das Signal des Kindes!
• Wir "hören" genau zu, achten auf Sprache und Körpersprache und gehen auf die Kinder ein, indem wir auf ihre Antwort, bzw. Reaktion warten!
• Wir begleiten alle Aktivitäten mit den Kinder und alle Pflegesituationen sprachlich!
• Wir geben nur so viel Hilfestellung wie nötig, damit das Kind sich daran freuen kann, seine eigenen Handlungen selbstständig und selbstwirksam zu meistern!
• Wir haben Vertrauen in die Kompetenz des Kindes: Das Kind ist Initiator/Forscher und es lernt das, für das es bereit ist.

Pflegesituationen: Wickeln, Töpfchen, Toilette, Essen
• Der Aufbau und die Pflege von Beziehungen sind uns hier am wichtigsten!
• Beim Wickeln, Waschen, Anziehen und Füttern gehört dem Kind unsere volle Aufmerksamkeit, es soll das Gefühl bekommen: ,,Jetzt bin ich am wichtigsten!"
• Das Kind darf in seiner Bewegung und seinem Spiel selbständig agieren, sich selbst, seinen Körper und die Umgebung erforschen!
• Wichtig sind uns Ruhe, Zeit und Respekt!
• Wir bereiten, unabhängig vom Entwicklungsstand des Kindes mit ihm gemeinsam, die Umgebung für die jeweilige Situation vor und haben z. B. Creme, Waschlappen,       Handschuhe, Teller, Löffel ... in greifbarer Nähe!
• Dieses kommt der Förderung der Selbstständigkeit des Kindes und des Bewusstwerdens, was für die eigene Pflege benötigt wird, zu Gute!
• Das Tun und alle Dinge kündigen wir an und begleiten diese mit Worten, Gesten und Blickkontakt, denn wir stellen uns immer wieder vor, wie es sich für uns anfühlen würde, wenn der Arzt uns eine Spritze gibt, ohne etwas zu sagen!
• Das gemeinsames Tun während der Pflege ist uns wichtig, so wird auch das kleinste Kind zu aktiver Teilnahme ermutigt, in dem es beim Füttern z. B. auch einen Löffel hat!
• Wir benutzen Teller und Glasschälchen mit einem hohen Rand, denn die Kinder trinken aus Gläsern und lernen von klein auf den Umgang mit Geschirr!
• Das Kind entscheidet selbst, wie viel es essen möchte, außerdem wird niemand gezwungen, etwas zu essen - Wir mögen manches auch nicht!
• Der Teller muss nicht leer gegessen werden, das Essen soll schließlich Freude machen!

Wickeltisch
• Unser Wickeltisch hat eine ausziehbare Treppe, so können die Kleinen, je nach Entwicklungsstand eigenständig, bzw. mit entsprechender Unterstützung, die Wickelauflage erreichen!
• Die Fläche ist so groß, dass die Kinderfüße nicht herunter hängen!
• Sie ist so breit, dass sich die Kinder sich eigenständig bewegen, bzw. drehen können!

Sauberkeitsentwicklung (= ein Prozess, der Zeit braucht)
• Die körperlichen, seelischen und geistigen Reifungsprozesse sowie die Sprache sind Voraussetzungen für den Start der Sauberkeitserziehung! (Das Kind ist frühestens mit 1 ½ Jahren körperlich hierzu bereit!)
• Die Sauberkeitserziehung beginnt, wenn das Kind Interesse zeigt, z. B. sagt, wenn etwas in der Windel ist, ...)
• Geduld und Respekt sind uns bei diesem Prozess wichtig, es gibt weder Zwang, Druck, Belohnung noch Strafe!
• Für U-3- und Ü-3-Kinder gilt Schutz und Vertrauen in intimen Situationen gleichermaßen!
• Wie beschämen oder sanktionieren kein Kind, weil es die Darm- und Blasenkontrolle noch nicht erlangt hat!
• Damit das Abgeben der eigenen "Körperausscheidungen" als positiv und lustvoll erlebt wird, benennen wir die Körperteile selbstverständlich!
• Durch Mimik, Gestik und Worte der Kinder ausgedrückte Empfindungen werden nicht tabuisiert sondern ernst genommen, die Kinder erfahren dadurch ein gutes Gefühl zu ihrem Körper, und das ist eine wichtige Grundlage zum "Trockenwerden".

Die vorbereitete Umgebung
• Diese braucht das Kind, um sich nach seinem inneren Bauplan entwickeln zu können und ist neben der liebevollen, achtsamen und respektvollen Zuwendung die zweite notwendige Bedingung für die harmonische Entfaltung!
• Das Kind braucht eine äußere Ordnung, denn sie gibt Sicherheit!
• Wir bieten kindgerechte Möbel, wie z. B. Stühle und Tische sowie Dinge, die zum Bewegen im Raum einladen, wie z. B. Podeste, Rutschen, Hängematten, Bälle, Kinderwagen ...!
• Wichtig sind für die Kinder auch Orte, an denen sie sich zurückziehen können!
• Sie brauchen eine ,,sichere" Umgebung und ,,sicheres" Spielmaterial, deshalb sind die Umgebung sowie die Materialien so gestaltet, dass sich die Kinder selbstständig bewegen, bzw. das sie eigenständig agieren können, z. B. durch unstrukturierte Materialien mit verschiedenen Eigenschaften zum Experimentieren, Bauen, Auf- und Zudrehen, Ineinanderstecken und Sammeln (Schüsseln, Körbe ...), Bausteine, Bälle, Naturmaterialien, Flaschen, Dosen, Siebe ...!
• Das Kind ,,be-greift" die Welt über das eigene Greifen!
• Wir achten darauf, dass das Kind nicht zu viele Spielmaterialien auf einmal hat und reizüberflutet wird!
• Die Materialien werden mit den Kindern regelmäßig ausgetauscht, dadurch wird es in der Gruppe ruhiger, denn es können wieder neue Dinge erforscht werden!

Abgetrennter Bereich
• Wir bieten einen geschützten Spielbereich für die Kleinsten!
• Die Kinder können sich hier in ihr Spiel vertiefen!
• Es gibt einen festen, jedoch fallgeschützten Untergrund, der Aufrichtungsversuche unterstützt und Erfahrungen mit der Anziehungskraft zulässt!
• Große, feste Kissen oder eine umgedrehte Holzkiste für erste Klettererfahrungen können genutzt werden!

Bewegliche Podeste
• Wir bieten diese an, um motorische Erfahrungen zu machen!
• Die Kinder klettern nur so hoch, wie sie sich es zutrauen!
• Der Raum kann von den Kleinen aus einer anderen Perspektive wahrgenommen werden!
• Die Kinder entwickeln ein Gefühl für Höhe!
• Die Podeste können jederzeit der aktuellen Spielsituation entsprechend umfunktioniert werden!

Sicherheit beim Menschen, der das Kind betreut
• Wir besprechen mit den Eltern, welche Fachkraft ihr Kind während der Eingewöhnungszeit intensiv begleiten wird, wenn das Kind eine "Tendenz" zu einer bestimmten Fachkraft erkennen lässt, wird diese wird bei der Beziehungsarbeit berücksichtigt!
• Wir bauen in der Eingewöhnungsphase eine stabile Beziehung zu den Kindern auf, indem wir ihnen genügend Zeit lassen, um sich von der Bezugsperson zu lösen!
• Auch hier warten wir auf das Signal des Kindes!
• Für uns gilt der Grundsatz: Alles, was das Kind in einer neuen Umgebung das erste Mal erlebt, z. B. gewickelt zu werden, sollte es mit einem Elternteil erleben! Wir begleiten die Eltern nach Rücksprache bei den Handlungen, um individuelle Rituale sowie Umgehensweisen besser zu verstehen und übernehmen zu können!
• Uns ist eine intensive Erziehungspartnerschaft sehr wichtig, deshalb gibt es einen täglichen dialogischen Austausch mit den Bezugspersonen des Kindes!
• Wir nehmen jedes Kind in seiner eigenen Art an! Deshalb erfragen wir bei den Bezugspersonen die Vorlieben des Kindes, die Vorgehensweise für die jeweiligen Pflegesituationen und deren zeitliche Abläufe, um einen vertrauensvollen Beziehungsaufbau zu ermöglichen und um ein Gespür dafür zu bekommen, zeitnah die elementaren Bedürfnisse des Kindes befriedigen zu können!
• Wir sind uns der Verantwortung bewusst, für die Kinder konstante Bezugspersonen zu sein!
• Wir geben ihnen daher stets Bescheid, wenn wir aus dem Raum gehen!

Sicherheit in der Zeitabfolge
• Ein strukturierter Tagesablauf hilft dem Kind, sich zu orientieren, denn es ist für kleine Kinder besonders wichtig, sich zeitlich orientieren zu können!
• Ein Beispiel: Ich sage ,,Tschüss" zu Mama, dann spiele ich, dann ist Frühstück, der Morgenkreis, das Mittagessen, schlafen, wieder spielen und dann kommt die Mama wieder, vertraute Abläufe schenken dem Kind Sicherheit!

Entwicklungsprozesse nicht beschleunigen
• Dieses Zitat begleitet unsere Arbeit!

„Die harmonische Entfaltung von Kindern ist ein natürlicher und darum langsamer Prozess.
Unsere Aufgabe ist es, die rechten Bedingungen dafür zu schaffen, aber nicht, den Prozess zu beschleunigen.
Bringen wir es als Erwachsene fertig, diese inneren Prozesse nicht durch unsere Ungeduld zu stören, sondern ihnen den nötigen Nährstoff zu liefern, so lernt das Kind auf eigenen Füßen zu stehen und nicht sein Leben lang von äußerer Führung abhängig zu sein." (Rebeca Wild)

Die Rolle des Erwachsenen
• ,,Beobachte mehr, tue weniger!" - Wir sind da und haben Zeit, wenn Kinder unsere Nähe brauchen, wenn sie sich weh getan haben, zum Trösten, Kuscheln, ...!
• Alle Aktivitäten begleiten wir sprachlich und wertschätzen dadurch das Tun des Kindes!
• Wir sind keine Animateure!
• Wir stellen eine sichere, anregende und zuverlässige Umgebung zur Verfügung!
• Wir sind Vorbilder im Umgang mit anderen Menschen, dem Material und im alltäglichen Tun!
• Unsere Konsistenz: Klare Grenzen und Erwartungen vermitteln, denn dieses hilft dem Kind sich zu orientieren!
• Wir geben Zeit für ununterbrochenes Spiel!
• Wir beobachten einfühlsam und dokumentieren das Verhalten:
-> um die Kommunikation und Bedürfnisse des Kindes zu verstehen!
-> denn so verstehen und schätzen wir die enorme Menge und Geschwindigkeit des kindlichen Lernens!
-> so sehen wir, ob und wie wir helfen können!
-> Das Kind bekommt das Gefühl: "Ich werde beachtet, geschätzt, ..."!
-> Wir stellen fest, was das Kind interessiert und können entsprechendes Spielmaterial anbieten, wir sehen, wie es mit Frustrationen umgeht und wie das Kind Probleme löst!

Die Bewegungsentwicklung
• Das Kind hat einen inneren Bauplan, so ist es der Akteur seiner Entwicklung!
• Wir bringen dem Kind nicht bei, wie es z. B krabbelt oder läuft, denn dies alles lernt es selbst und in seinem eigenen Tempo!
• Wir bringen das Kind auch in keine Positionen, die es noch nicht alleine einnehmen kann!
• Wenn ein Kind z. B. seine ersten Schritte macht, nehmen wir es nicht an die Hand und führen es herum, sondern schaffen Möglichkeiten, wo es ungestört ausprobieren und selbst Lösungen finden kann!
• Wir nehmen das Kind nur an die Hand, wenn es aus dem Impuls und der Motivation des Kindes heraus geschieht, das heißt, wenn das Kind der Fachkraft seine Hände entgegenhält.
• Unsere Kinder benötigen keine Hilfe im Sinne, dass sie schwach und hilfsbedürftig sind!
• Da sich die kindliche Fußmuskulatur noch entwickelt, müssen sie drinnen keine Schuhe anziehen, stattdessen dürfen sie barfuß laufen (Sommer) oder Socken mit Gummi- bzw. Ledersohle tragen!
• Die Kinder, die die Freiheit hatten, ihre Motorik im eigenen Rhythmus und aus eigener Kraft zu entwickeln, sind in der Regel vor Unfällen geschützt, denn sie sind es gewohnt, sich achtsam zu bewegen!